
Der Normalmensch Wenn ein Kalkmantel deine Person noch nicht sehr umschlossen hat, wenn deine Sinne, deine Wahrnehmungsorgane, deine weit geöffnete Aufnahmebereitschaft ihre Tastarme und Fühlfäden dauernd in die Schluchten Welt und in die Menschen hineintunkt, - dann hast du natürlich mehr zu verarbeiten als ein rundum spundfest dichtes Bierfass.
Jack-London-Museum, House of Happy Walls. Ein alter Dokumentarfilm wird gezeigt. Jack London. Für zwei, drei Sekunden verschwindet der Beiß-dich-durch-Ausdruck, und ein Leuchten huscht über die Züge. Es ist wie ein Aufblitzen übertragbarer Energie, wie ein Aufschießen ansteckender Liebe zu jeglicher Kreatur. Ob hier ein Augenblick von Londons übermenschlicher Schaffens-Euphorie erfaßt wurde? von der „Helligkeit im Kopf“, die der Autor von fünfzig Romanen und Hunderten Shortstorys zunehmend nur noch mit Alkohol und Morphium auszuknipsen vermochte? Ich werfe einen zweiten Dollar in den Automaten. Ranch, Pferdestall, Schweinestall - und wieder sekundenschnell das Aufleuchten höchsten Verstandes und tiefsten Mitgefühls, des Genies. (Lia Pirskawetz, Indianersommer)
Der Buchhandlung SEITENWEISE zur Neu-Einrichtung am 20-05-2000 Ein Mensch, der sich selbst nichts erlaubt, der erlaubt anderen Menschen noch viel weniger. Aber alles in dich hineinzulassen? Nein, das hieße, wehrlos zu werden gegen Eindrücke. Es gilt also, den Filter klug zu wählen, einen, der die lästigen Dinge nicht durchläßt. Wie laute und tote Menschen. Sie reden zu viel und glauben nicht an das, was sie sagen. Nach dem Tod der Götter ist die Sprache unsere letzte Mutter. Wenn wir in verschiedener Gestalt, in wandelbarer Vermummung auftreten, so wird das Spiel bunter. Setzen wir uns den Zauberhelm auf. The Cap of darkness. Odins Beiname war „der Maskierte“. Die Tarnkappe macht unsichtbar. Du betrittst die Rosengärten des Paradieses, Du kommst und du kehrst zurück, bist zuhause in beiden Reichen. Das helle, das hochgescheuchte Gehirn. Im Flip-Flop-Betrieb steht es voll auf Schwingung. Angefaucht bis zur höchsten Frequenz der Ekstase schafft das Gehirn das Zurecht-Kneten der Wirklichkeit bis zur Filmvorführ-Reife. Sauerstoff-Bedarf. Lufthunger im Zustrom der Befeuerung. Wenn dem Gehirn erst die Eindrücke von außen und dann seitenweise die Bücher vorgelegt werden, dann kommt es zum Zusammenstoß der Schwestern der Lüfte mit der Erdmutter. Die Kumpanin, die Schwerttänzer-Prinzessin, das ist eine gefährliche Ladung. Mit dem Totenkopfzeichen auf der Stirn steht sie auf dem Donnerwagen hinter dir als Ada. Sie bilanziert die Esoterik-Titel hinauf in Ätherhöhen. Wie gut, ihr Buchfrauen, daß es verschiedene Ufer gibt. Ganz klar, daß nicht eine jede und ein jeder wie Nagel und Hammer schlaggenau aufeinanderpassen. Da gehe jede, ohne umklammert zu sein, den eigenen Weg. So bleibt das Sosein unverletzt und das Lebensgepäck heil, ohne daß eine zum Huckepack ansetzt und sich an der anderen kaputtschleppt. Liebe Buchhändlerin! Von deinen Dingen umgeben, durch deine Räume schreitend. Rechnungen lesend, - du eine Respektsperson. Was du tief innen hast, das sind keine raschelnden Papierrollen, keine Buchrücken. Nein, es ist die Lebensleitung, der Nähr- und Bedüsungsschlauch, den du für uns bereithältst. Durch diesen zarten Nabelstrang fließen sie uns hochpotenziert zu, Geistesströme, Seelennahrung, Liebesschmelz. Die wir im Unterholz leben, im Halbdunkel der Höhle, - du bist der Leuchtturm, der uns Winke schickt, Leben und Licht. Welchen Zugang die Buchhändlerin zu Menschen hat! Wie ein Dosenöffner, der das ganzes Blech aufschneidet, bis das Eigentliche freiliegt. Es gibt Unterirdisches. Maulwurfsgänge, Meldeleitungen, Notrufe, Bestellzettel, Zünd- und Klingelschnüre, Sensorzellen, keyboards, e-mails, Verbindungswege. Menschen, denen das Leben nur Stoffwechsel ist, sind von ihren Freßwerkzeugen und ihrer Ausscheidungstechnik so sehr umfangen, daß sie auf anderes nicht mehr reagieren können. Für sie gibt es keine Erfinder und Poeten, keine Träumer, keine blaue Blume, keine Bücher. Heute sind wir im Ausnahme-Licht, das uns seitenweise blendet am Hammer Steindamm. Zuerst nahm ich hinten auf dem Puppenkissen Platz in der Teeküche. Jetzt aber lausche ich vorne im Salon der Eröffnungsansprache, getröstet und versorgt, einmalig wie wir alle, auf den plastiküberzogenen Prunkstühlen. Wenn die Bärin empfangen hat, dann versorgt die Natur das bei der Befruchtung entstandene winzige Keim-Lebewesen mit einem Warteprogramm. Der winzige Embryo sinkt in einen Zwischenzustand. Er wächst überhaupt nicht. Wochen, ja Monate vergehen. Wenn die Bärin sich genügend Fett angefressen hat, dann erst, wenn auch die Jahreszeit stimmt, erwacht der Embryo und nimmt im Leib der Bärin ständig zu an Größe und an Lebendigkeit. Eine so kluge Vermehrungs- und Vorratskunst wünscht WF.
Komm ins reichgedeckte Distelfeld / wo raschelnd Sonne knistert / eingefangen in die trockne Wiese / die am Hang hoch oben dem Berg / ihr Gesicht hinhält und trotzt Du sollst es wissen im Begehren / daß dir die Distel abgibt / von der Lust der Schöpfung: / im Brautbett, klebrig, / bist du der Mitbegatter Was du da ziehst und saugst / ist Honig aus der Stachelwelt die spitz und silbern / eine Schönheit ist / im Widerbild und Gegensinn Biene: Wenn du getrunken hast, / so schwirre heim zum Stock / und tanze den Schwestern / auf dem schmalen Flugbrett / den Disteltanz: / Hoch oben, wo die Berge enden / nahtfrisch am Himmelszelt / gibt es das spröde Fest / zu feiern zwischen Zacken!
Helden im Regem Es regnet. Wo sind sie die Konturen der Helden nie habe ich einen Helden gesehen noch nie bin ich einem begegnet Drum dränge ich mich im grauen Regen mit triefender Nase an Statuen grosser Meister lege das Ohr an Mamor Eisen Stein um jener Sage nachzuhören vom Helden im Regen
Harry Brandtner
Im Wirbelsturm eines kleingeschriebenen Ichs Strudelnd treibt uns der Lebenslauf im Mahlstrom der Stunden durch den kalenderblätterdurchwehten Zeit-Raum in dem uns die Dimensionen fehlen, das Zucken des Sekundenzeigers, die dauernd auf und ab leuchtende Umstrukturierung im Signalfeld der Digitaluhr, zerfallende Ziffern, geben uns beim Zuschauen keinen Wink für den Herzschlag, für das Pochen des Pulses oder für die Justierung des Atmens: Unser Luftschöpfen bleibt unberührt im Tonus, bis mit einem BUMMS! Kulle ins Haus fällte: spontanes Geschöpf. Da haben wir die BEIDEN WELTEN - - - in denen wir unser kleingeschriebenes ICH hochhalten sollen. Birken, am 17. Januar zarte Gerüste mit zeigenden Fingern und markanten Flecken am Stamm stehen wie Zeichen da für karge Freistunden, wann schon haben wir mal Flocken im Haar, wann pusten wir Schnee von der Nase. Was wünsche ich für den schmalen privaten Randraum? Aber da liegt ja das kleingeschriebene ICH gar nicht wirbelig, sondern flachgestreckt da, bäuchlings, die Augen dürfen spazieren gehen in einer arglosen Welt der Birken, der Farben, bis nach einer Hobel-, Raspel- und Leimen-Stunde nach dem Tischchen-Anstreichen etwas ganz anderes kommt: Die acht Stunden mit Morpheus, dem harmlosen Träumer, der, wir in seiner hohlen Hand, uns nicht wehe tut, erst gehen unsere Augäpfel noch flink hin und her, bis unter den sanftschweren Lidern alles zur Ruhe kommt, bis der neue Tag uns weiter vorantreibt im Mahlstrom der Zeit, der alles mitreißt im Verzehr der Jahre, ein Jugendreißwolf ein Tagezerknitterer

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